Berufsschullehrer werden, eine sehr interessante Option

von unserem Redaktionsmitglied Alex Overbeck in der Süddeutschen Zeitung gefunden

und hier gehts zur super Seite „Karriere“ der SZ

Als Susanne Eißler kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung zur Uhrmacherin stand, sah der Arbeitsmarkt nicht gerade rosig aus. Zu viele Billiguhren in den Geschäften, zu wenige Jobs in der Branche. In dieser Situation brachte sie ihr Klassenlehrer in der Berufsschule auf eine neue Idee: Wer bereits das Abitur habe, könne doch auch studieren und Berufsschullehrer werden. „Als ich sagte, dass mich das vielleicht interessieren könnte“, erinnert sich Eißler, „saß ich ganz schnell vor dem Schreibtisch des Schulleiters, hatte ein Gespräch mit ihm und haufenweise Informationsmaterial.“

Heute unterrichtet die 40-Jährige Industrie- und Zerspanungsmechaniker an der Heinrich-Kleyer-Schule in Frankfurt am Main. Außerdem bereitet sie an der Technischen Universität Darmstadt in Proseminaren den Nachwuchs auf Schulpraktika vor. Und dieselbe Erfahrung, die sie früher gemacht hat, machen heute ihre Studenten: Absolventen der Lehramtsstudiengänge für berufliche Schulen sind gefragt, denn sie sind Mangelware.

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Nicht nur in Hessen. Das Land Nordrhein-Westfalen sucht Lehrer für die Fächer Metalltechnik, Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik und Sozialpädagogik. Berlin benötigt zusätzlich Nachwuchs in den Bereichen Bautechnik, Medientechnik, Labor- und Prozesstechnik. Ähnlich sieht es in Schleswig-Holstein aus. Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bibb) fasst die Situation so zusammen: „Die Gewinnung von Lehrkräften für den berufsspezifischen Unterricht ist besonders in den gewerblich-technischen Berufen ein Problem.“ Diesen Job, so scheint es, will oder kann niemand machen.

Susanne Eißler hat dafür eine einfache Erklärung: „Lehrernachwuchs generiert sich oft aus der Schülerschaft.“ Und der überwiegende Teil der Schüler, die eine berufliche Schule verlassen, hat nicht die formale Qualifikation, um ein Lehramtsstudium aufzunehmen. Umgekehrt gilt: Wer das Gymnasium besucht hat und noch nie eine Berufsschule von innen gesehen hat, nimmt dieses Arbeitsfeld gar nicht wahr.

Viele Studienplätze werden nicht genutzt

So entsteht eine paradoxe Situation: Mehr als 2,6 Millionen Auszubildende oder Berufstätige mit Weiterbildungswunsch besuchen eine von 5225 beruflichen Schulen in Deutschland und stellen damit 70 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Sekundarbereich II. An Eißlers Schule unterrichten etwa 100 Kollegen rund 2500 Schüler, und es gibt im Stadtgebiet Frankfurt am Main noch weitere 15 berufliche Schulen. Trotzdem wird dieser große Bildungsbereich nur von wenigen als Job-Perspektive erkannt.

Gerade mal sieben Studierende in Deutschland haben den Lehramts-Master für Druck- und Reproduktionstechnik belegt. Und im Bereich Fahrzeugtechnik stehen nicht mehr als 27 Master-Studierende für das Lehramt bereit. „Obwohl Studienplätze vorhanden sind, werden sie nicht genutzt“, sagt Monika Hackel, Leiterin der Abteilung Struktur und Ordnung der Berufsbildung im Bibb. Die Verdienstmöglichkeiten seien ein Grund dafür: „Mit den Gehältern in der Industrie können die Schulen nicht mithalten.“ „Machen Sie sofort die Bewerbung fertig
Vermutlich entscheidet sich deshalb nur einer von 145 Studierenden im Fach Elektrotechnik für das Lehramt. Der zweite Grund sei das Image des dualen Systems bei den Jugendlichen. Der Trend gehe hin zum Studium und bedauerlicherweise weg von der Berufsausbildung. Darunter leide auch die Anerkennung für die, die an beruflichen Schulen unterrichten.

Die wenigsten Studienanfänger starten also mit dem Traumberuf Berufsschullehrer. Dafür finden viele auf Umwegen hierher. Während Seiten- und Quereinsteiger in anderen Schulformen als Exoten gelten, sind sie an beruflichen Schulen eher der Regelfall. Denn eine berufliche Vorgeschichte ist hier eigentlich immer von Vorteil. Vor diesem Hintergrund hat das Land Hessen gerade eine dreijährige Weiterbildung an den Start gebracht, um Fachkräften aus der Wirtschaft den Quereinstieg ins Lehramt zu ermöglichen. Und auch andere Bundesländer bieten vergleichbare Modelle an.

Bei Jens Karos zum Beispiel ging der Umstieg zum Fachlehrer für Metalltechnik an der Berufsbildenden Schule Bad Neuenahr-Ahrweiler ganz schnell. Er arbeitete als Projektingenieur bei einem Hersteller für Fluggastsitze in Baden Württemberg, empfand das ständige Pendeln zu seiner Familie nach Rheinland-Pfalz als sehr belastend. Deshalb erkundigte sich der 38-Jährige nach den Möglichkeiten, mit seinem Fachhochschulstudium Luft- und Raumfahrttechnik und seiner Ausbildung zum Fluggerätemechaniker ein Lehramts-Referendariat in der Heimat zu machen. „Bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion hieß es dann: Machen Sie sofort die Bewerbung fertig“, erzählt Karos. „Die Einstellungen für den Vorbereitungsdienst liefen gerade, und ich sollte mich schon in der nächsten Woche vorstellen.“

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Die stellvertretende Schulleiterin lud ihn dann zu einem Praktikum ein. Karos hatte zwar kein Pädagogik-Studium absolviert, „aber ich wusste, wo meine Lehrer mich früher eben nicht abholen konnten“. Als er in einer Probestunde einem Schüler mathematische Grundlagen erklärte und der sich dann traute, eine Aufgabe an der Tafel vorzurechnen, hatte Karos sein neues Betätigungsfeld gefunden: „Es war ein cooles Gefühl zu sehen, wie er in dieser Stunde fachlich gewachsen ist.“

Nicht nur die Seiteneinsteiger, die mit Erfahrungen aus der Arbeitswelt punkten können, sind an beruflichen Schulen gern gesehen. Auch für Lehrer allgemeinbildender Fächer eröffnen sich Chancen. Denn sie verdienen hier genauso viel wie am Gymnasium. Und während dort die Stellen rar sind, fehlen in mehreren Bundesländern Lehrer für die Fächer Mathematik, Physik, Informatik, Englisch, Sport oder Religion.

Dass dieser Schultypus trotzdem eher gemieden wird, liegt an der sehr heterogenen Schülerschaft. „Da findet man alle Milieus, die Gesellschaft eins zu eins abgebildet mit bis zu 50 Nationen in einem Pausenraum“, sagt Marc Fachinger. Er arbeitet im Referat Berufliche Schulen des Bistums Limburg und hat vorher elf Jahre lang an der technisch-gewerblichen Hochtaunusschule in Oberursel Religion unterrichtet. Was ihn persönlich fasziniert, fänden andere Kollegen eher abschreckend. „Die Schüler sind schulmüde, wollen eigentlich praktisch arbeiten“, sagt Fachinger. „Da muss man mehr auf dem Kasten haben als Theologie, man muss wissen, wie die Schüler ticken.“

Lehrer mit berufsbezogenen Fachrichtungen, die ihre eigene Biografie in die Waagschale werfen können, haben es da leichter. Uhrmacherin Susanne Eißler erinnert sich noch gut an ihre erste Stunde, als sie vor einer Mechanikerklasse stand. „Ich habe einfach ein paar winzige Uhrenteile mit dem Projektor an die Wand geworfen und gesagt: Guckt mal, das sind die Teile, mit denen ich früher gearbeitet habe! Damit hatte ich die Schüler auf meiner Seite.“Ratgeber Ausbildung

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